Qi im japanischen Karate
Es wird neuerdings versucht, den Gebrauch des Qi, wie es bei den chinesischen Kampfsystemen in unterschiedlicher Weise üblich ist in die japanischen Systeme zu integrieren. Ich möchte einige Punkte anführen, welche die Schwierigkeiten & Unzulänglichkeiten dieses Versuches aufzeigen sollen. Die beschriebenen Mechanismen sind bei weitem nicht vollständig ausgeführt, da dies den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.
Qi allgemein
Qi, die Lebensenergie "fließt" mehr oder weniger in allen beseelten & unbeseelten Gegenständen & Lebewesen. Auch der Raum dazwischen wird durch Qi aufgefüllt. Qi ist der Treibstoff, der alle Lebensvorgänge aufrecht hält. Leben ohne Qi ist nicht möglich, daher ist auch Kampfkunst ohne Qi nicht möglich. Qi ist der Gegenpol zur Substanz. Die Substanz oder Form ist der Motor & Qi ist der Treibstoff. Aber die Form ist auch verfestigtes Qi auf der Zeitachse. Früher oder später verflüchtigt sich die Form & wird wieder Qi. Wenn sich das Qi komprimiert entsteht Substanz usw.... alles klar?
Qi in den chinesischen Systemen
Qi im menschlichen Körper entsteht 1.durch Atmung & 2.durch Ernährung, Bewegung kann den Qi Fluss allenfalls anregen (entspannte fließende Bewegung) oder behindern (Muskelanspannung). Die Entwicklung des Qi verläuft immer unabhängig von den Kampfübungen. In China heißt es: Qi Gong öffnet die Meridiane und vermehrt das Qi (nicht zu verwechseln mit Meditation). Tai Chi bewegt das Qi in den Meridianen. Die Möglichkeiten Qi zu entwickeln und gezielt zu verwenden sind so vielschichtig, dass ein falscher Gedanke oder eine leichte Fehlhaltung eine Behinderung darstellen können. Jedes chinesische System vollzieht eine strikte Trennung zwischen Übungen, welche der Entwicklung des Qi dienen und Kampfübungen, welche das bereits entwickelte Qi verwenden.
Qi kann dem Licht einer Kerze oder dem Feuer einer Sonne entsprechen; daraus folgt: jeder Organismus kann Qi speichern, aber wie viel er speichern kann hängt von seiner Speicherkapazität ab ( zu wenig führt zu Mangelzuständen, zuviel führt zu sog. Füllesyndromen "voller Bauch" ). Die Speicherkapazität eines Organismus ist begrenzt "trainierbar" durch Lebensweise (Ernährung, Atmung, Verhalten, Regelmäßigkeit,) und Übungen. Überschüssiges Qi wird im Körper zu Essenz umgewandelt. Konkret bedeutet dies, dass ein Überschuss an physiologischem Qi in einem gesunden Organismus zu Essenz umgewandelt wird & so zu einer Verlängerung des Lebens beitragen kann, da die Essenz ( vererbte & erworbene Konstitution ) unsere Lebenserwartung bestimmt. Bei westlicher Lebensweise ist es unrealistisch Qi Reserven anzulegen, welche umgewandelt werden. Die Physiologie des Qi im menschlichen Körper ist in der chinesischen Medizin sehr gut beschrieben, obwohl es sich hierbei nur um sehr vereinfachte Modelle handelt, die dem leichteren Verständnis dienen sollen. Die Energie zirkuliert im Körper durch oberflächliche und tiefliegende Meridiane und versorgt alle Gewebe und Organe mit Energie & indirekt mit Blut Ein Umlauf dauert ca. 25 Minuten. Am Tag befindet sich Das Qi eher an der Körperoberfläche, nachts im Körperinneren. Das Qi folgt außerdem noch einem jahreszeitlichen Rhythmus, uvm... Es gibt auch Sondermeridiane, welche nicht dem normalen Qi Fluß unterliegen und in welchen eine Mischung aus Qi & Essenz (Jing) oder Blut (Xue) gespeichert wird. Des weiteren gibt es 3 Energiezentren, in welchen Energie gespeichert wird. Das untere, mittlere und obere Dan Tian (Zinnoberfeld). Im Taoismus wird auch noch die feinere Energiestruktur der Chakren miteinbezogen, welche für eine medizinische Anwendung jedoch nur geringe Bedeutung haben. Die zuvor angeführten "Energietöpfe" sind wie eine Sanduhr miteinander verbunden und müssen von unten nach Oben gefüllt werden; was man oben einfüllt rinnt (fast alles) nach unten, d.h. man muß z uerst eine "Basis" entwickeln, bevor es Sinn macht höhere Zentren zu aktivieren. Das untere Dan Tian (Region unterhalb des Nabels, Zentrum 4 Querfinger darunter; Ren4) ist das für die Kampfkünste bedeutendste. Aus diesem Zentrum, "unteres dan tian = hara" zieht der Kämpfer seine Energie (untere Zentren- Grundbedürfnisse, triebgesteuert, instinktbetont).
Ki in japanischen Systemen
Es scheint, dass die Japaner alles, was sie von den Chinesen übernommen haben aus welchen Gründen auch immer, vereinfacht haben. Im Vergleich zu den komplexen Energieflusssystemen der Inder (Chakren) und der Chinesen (Energiezentren & Meridiane) kennen sie "nur" das Modell des Hara und das Meridiansystem im Shiatsu. Das Hara Modell macht es unmöglich, komplexe Auswirkungen des Qi gezielt zu erklären oder diese zu trainieren. Die japanischen Systeme beschränken sich neben der Do Philosophie meist auf den rein technisch- kämpferischen Aspekt der Kampfkünste. Qi hat man; eine zusätzliche gezielte Entwicklung ist für einen Kampferfolg nicht notwendig, eigene Übungen wurden gar nicht erst aufgenommen (besonders im Karate). Ausnahmen gibt es natürlich, wie z.B. das Ninjutsu, welches sich das alte Modell der Wandlungsphasen der chin. Medizin aus vorchristlicher Zeit zunutze machte. Die abgehackten Bewegungen und die extremen Muskelanspannungen führen zu außerordentlichen Leistungen was das Zerstören betrifft, verbrauchen aber viel Energie und sind einem freien Energiefluss eher abträglich, stoppen ihn sogar. Die Pressatmung im Goju Ryu führt zu solchen starken Energieblockaden (können Blutstasesyndrome bewirken - Gefäßverletzungen & Verschlüsse, Bluthochdruck, Hirnschlag ), dass die Lebenserwartung in diesem Stil niedriger ist, als bei anderen.
Es geht darum einen Ausgleich zu schaffen, zwischen den Bewegungsmöglichkeiten und sich nicht auf ein bestimmtes Muster zu beschränken, denn dies würde wieder zu Starrheit, Verkrampfung, Verfestigung und zu Blockaden führen. "Alles muss fließen", was nicht fließt stirbt.
Ich glaube dass viele Karatekata energiedynamisch falsch ausgeführt werden. Diese Art der Ausführung genügt allenfalls zum Lernen der Grundtechniken, aber nicht zur Entwicklung eines freien Qiflusses oder einer plausiblen Anwendung. Es geht hier vor allem um die neueren Stile, welche zu reinen "Katasammlern" geworden sind & sich daher nicht mehr lange genug mit einer Kata auseinandersetzen können. 5-10 Kata reichen vollkommen aus, um einen Stil zu definieren; diese sollten aber das ganze Spektrum der Kampftechniken abdecken und auch ein oder zwei energetische Formen beeinhalten. Will man sein Qi gezielt entwickeln und vermehren muß man wohl oder übel auf alte chinesische bzw. indische Systeme oder deren energetische Ableger zurückgreifen.
Fazit: Wer "übernormales" Qi entwickeln möchte, muß auf seine Lebensweise achten und spezialisierte Übungen regelmäßig durchführen. Es gibt keine Übung für "das Qi". Jede Übung dient anderen Zielsetzungen, von Gesunderhaltung über Abhärtung bis zu "magischen" Fähigkeiten. Die Karate Kata sind fast vollständig von allem befreit worden, was nicht direkt mit einer Kampfhandlung gegen einen Gegner erklärt werden kann. Daher ist es nicht sinnvoll, jede Stellung im Karate & ihren Einfluss auf den Energiefluss zu untersuchen. Dieses hat denselben Effekt als würde man jede Position im Beachvolleyball energetisch unter die Lupe zu nehmen. Energie fließt oder blockiert immer, aber eine gezielte Beeinflussung des Energiesystems ist nur durch die vollständige Übereinstimmung von geistiger Aufmerksamkeit, Körperspannung, Ganzkörperbewegung und Atmung möglich.
Anwendung negativer Vitalpunkstimulation nach medizinisch-energetischen Gesichtspunkten
- Die Schlagwirkung (sofern eine besteht) kann anatomisch westlich medizintechnisch nicht nachvollzogen werden. Um zu verstehen, warum ein bestimmter Schlag auf ein 1cm großes Areal am Unterarm Durchfall auslöst, ist nur mit einem tiefen Verständnis asiatischer Medizinmodelle möglich, da hierbei nicht nur der Fluß des Qi eine Rolle spielt, sondern alle Organe sowie ihre Vernetzungen untereinander, die Konstitution des Getroffenen, sein Blut und Körperflüssigkeitshaushalt, seine Emotionen und eventuell bestehende Dysharmonien für eine Erklärung der Schlagwirkung notwendig wären. Obwohl manche Wirkungen wissenschaftlich erklärbar scheinen, ist dieses Thema einer Zugänglichkeit auf Grund mangelnder technischer Entwicklungen noch verschlossen.
- Es gibt in der Akupunktur einen Unterzweig, die Chronoakupunktur, wonach die Wirkung verstärkt wird, wenn man das betroffene Organ zu seiner Maximalzeit einer Behandlung zuführt. Innerhalb von 24 Stunden durchläuft jedes Organ einmal sein Energieminimum und 12 Stunden später sein Energiemaximum. Des weiteren gibt es astrologische Berechnungen über die Wirkung gewisser Systeme. Man kann davon ausgehen, dass eine Schlageinwirkung auf einen Akupunkturpunkt sogar unabhängig vom Zeitpunkt eine Wirkung hat, auch wenn diese dann vielleicht nicht das Optimum darstellt. Weiters ist es bei der Akupunktur so, dass nur in wenigen Fällen eine sofortige Wirkung eintritt. Diese lässt sich steigern, wenn man nach eingehender Diagnose bei entsprechend vertiefter Kenntnis aller Wirkungen und Zusammenhänge eine bessere Punktauswahl trifft. Nur ganz selten reicht es aus, einen Punkt alleine zu nadeln, um einen Erfolg zu erzielen. Jemand, der dieses System anwenden könnte müsste chinesischer Arzt sein oder Energieströme im Körper bewusst wahrnehmen können. Warum es trotzdem gehen könnte: Es ist bekannt, dass etwas zu zerstören sehr einfach, aber eine Heilung sehr schwer zu bewerkstelligen ist. Es kann durchaus sein, dass die negative Komponente eines energetischen Angriffs (körperlich wie geistig) stärker wirkt als seine positive. Zumal im umgekehrten Fall oft ein komplexer Schaden vorliegt, was den Akt der Heilung noch schwieriger gestaltet. Auf jeden Fall dürfte die Wirkung nicht von der Härte des Schlages abhängig sein. Um zu zeigen, dass man die Wirkung nicht auf westliche Erklärungen beschränken darf möchte ich als Beispiel einen bekannten Akupunkturpunkt anführen. Zuvor möchte ich anmerken, dass durchaus schon der Nachweis gelungen ist, dass eine Nadelung an einem augenstärkenden Punkt am Fuß, Gb41 zu einer sofortigen messbaren Erweiterung der Gefäße ausschließlich in den Augen geführt hat. (=systemische Punktwirkung)
Der Punkt Geshu - Blase 17 ( 2 Querfinger lateral der Unterkante des 7. Brustwirbelkörpers), "Transportpunkt zum Zwerchfell", wird auch als der Meisterpunkt des Blutes bezeichnet. Funktion: Er reguliert & tonisiert das Blut, klärt Blut-Hitze (z.B. Infekte, Vergiftungen) & beendet Blutungen, fördert den Blutfluss und entfernt Blutstase, nährt die Körperflüssigkeiten & harmonisiert das Magen Qi (Blutproduktion). Dieser Punkt ist ein sehr wichtiger Punkt in der TCM. Er ist ein Systempunkt, d.h. er wirkt nicht lokal, sonder im ganzen Körper. Durch seine besondere Funktion als Shu-Punkt führt er seinem zugeordneten Organ Energie zu. Er aktiviert Organsysteme im Körper die in ihrer Gesamtheit zu einer Beeinflussung des Blutes führen (wie, wissen nicht einmal die Chinesen). Somit ist eine anatomische Erklärung der Effekte zumindest bei einer Heilanwendung absolut unzulässig, da die Wirkung vermutlich auf nervalen Reizen, hormoneller Stimulation & Beeinflussung der Energiesysteme des Organismus auf zellulärer Ebene bis hin zur DNS beruht. Eine negative Stimulation könnte eventuell zum chinesischen Bild eines Blutstasesyndroms führen. Der Fluß von Qi und Blut wird angehalten, die Zirkulation kann nicht aufrechterhalten werden, je nach Schweregrad kann sich das westlich in einem sofortigen Herz- oder Lungeninfarkt äußern ( dies wäre natürlich auch durch die anatomische Lage des Punktes bedingt).Es könnte aber sein, dass es zu einer Gefäßverletzung kommt, welche zu einer Thrombenbildung führt, die wiederum eine Embolie mit verspätetem Infarkt in Lunge, Herz, Gehirn.... zur Folge hat. Die komplexe systemische Wirkung ist aber westlich nicht zu erklären. Fakt ist , dass alle vorher beschriebenen westlichen Erscheinungsformen chinesisch einer Blutstagnation ( verschiedene Differenzierungsgrade ) entsprechen und eine Erklärung über das Fortschreiten einer solchen von einem leicht stechenden Schmerz bis zu einem tödlichen Organausfall nach Wochen oder Jahren nur mit ganzheitlichen Erklärungsmodellen tradition eller Systeme möglich ist.
Genauere Ausführungen würden verständlicherweise den Rahmen dieses Essays sprengen, daher möchte ich mich momentan auf oben angeführte wissentlich unvollständige Anmerkungen beschränken.
Anbei möchte ich vermerken, dass in China seit 4000 Jahren mit energetischen Systemen erfolgreich gearbeitet wird und diese seit 2000 Jahren zumindest im Bereich der Medizin ständig überprüft, genormt und verbessert wurden, sodaß jegliche Spekulationen ohne fundiertes Wissen von vornherein zum Scheitern verurteilt sind. Die westliche Medizin in ihrer heutigen Form existiert seit knapp 100 Jahren (alles was davor war, wurde verbannt), wobei alle Studien, die älter als 20 Jahre sind, keiner modernen statistischen Überprüfung standhalten würden. Wenn die westliche Medizin noch 4000 Jahre Zeit hat, wird sich sicher noch manches ändern, was die Erklärung energetischer Systeme betrifft.
