Selbstverteidigung

Bevor man sich Gedanken über technische Aspekte der Selbstverteidigung macht, sollte man meines Erachtens eine Art Risikoanalyse vornehmen.


Wer bin ich (Alter, Größe, Kraft, Kondition,...)?

Die körperlichen Möglichkeiten eines 90 kg schweren, athletischen Schwarzgurtes sind naturgemäß andere, als die eines 48 kg schweren Mädchens ohne kämpferische Vorbildung.


Wie sieht mein Umfeld aus?

Wo? Kann mir was passieren? Gehe ich oft in Diskotheken? Liegt auf meinem Heimweg ein "finsterer" Park? Lebe ich in einem Bezirk/Viertel mit erhöhter Kriminalität? ....


Mögliche, aus meiner Umgebung erwachsende Bedrohungen?

Eine junge Frau, die täglich am späten Abend durch den "finsteren" Park geht ist einer anderen Bedrohung ausgesetzt, wie ein 17- jähriger Diskothekenbesucher mir variierenden Ausgehgewohnheiten.


Wie kann ich möglichen, vorhergesehenen Bedrohungen von vornherein aus dem Weg gehen?

Den Park bei Dunkelheit meiden, möglichst in Begleitung heimgehen, nicht immer den gleichen Weg zur gleichen Zeit nehmen,...


Welche Möglichkeiten habe ich, einer Bedrohung zu begegnen, ohne tatsächlich körperlich kämpfen zu müssen?

Hier herein fallen sämtliche psychologische Mittel, Tricks, einem Angriff auszuweichen. Ein großer Teil von Angriffen kann auf dieser Stufe durch richtiges Verhalten vermieden werden, weshalb es sich lohnt, dieser Thematik in Selbstverteidigungsseminaren Platz einzuräumen.


Wie verhalte ich mich in einer Situation, in der Handgreiflichkeiten unmittelbar bevorstehen und ich keine andere als gewalttätige Lösung des Konflikts mehr sehe?

Welche Haltung nimmt man ein, in der man den Gegner nicht provoziert oder sein eigenes Können zu früh preisgibt, welche Haltung nimmt man ein, in der man gegen einen Großteil möglicher Angriffe unempfindlich ist, aus der man aber seinerseits wirkungsvoll losschlagen kann,... Dieser Fragenkatalog ist keineswegs vollständig, noch gibt es keine uneingeschränkt "richtige" Antworten. Die Fragen zielen vielmehr darauf ab, eine Denkart zu entwickeln, die es ermöglichen soll, ein Leben möglichst ohne gewaltsame Konfrontationen zu führen.



Und wozu das Ganze?

Oft höre ich Äußerungen wie: "Warum soll ich einem Aggressor ausweichen? Greift er mich an, dann hau' ich ihm eine aufs Maul..." Nun, es scheint eine uralte Menschheitserfahrung zu sein, daß gewaltsame Konflikte für den Besiegten aber auch für den Sieger zu Verlusten welcher Art auch immer führen. Prallen zwei Gewalten aufeinander, gibt es zumindest Reibungsverluste. Auch im Tierreich wird der geschwächte Sieger eines Hackordnungskampfes oft gleich unmittelbar nach seinem Sieg von einem Dritten bezwungen oder stirbt schon zuvor an den Verletzungsfolgen des ersten Kampfes.

Schon den römischen Kaisern der Antike wurde auf ihrer Krönungsfahrt von einem Sklaven ohne Unterlaß ins Ohr geflüstert: "...bedenke, daß du sterblich bist, bedenke, daß du sterblich bist..." Auch Thomas Hobbes gelangte in seinem "Leviathan" zu der Erkenntnis, daß niemand lange genug stark genug ist, um allein durch Gewalt herrschen zu können. Eine Erkenntnis, die scheinbar so manchem Herrscher unserer Zeit abhanden gekommen sein dürfte. Wie auch immer, die Zahl der philosophischen Ansätze, der Gleichnisse oder Lehren, die für eine friedvolle Konfliktlösung plädieren ist mannigfaltig.

Man muß aber keine philosophischen Schulen oder Religionen bemühen, um zur gleichen Ansicht zu gelangen. Meines Erachtens führt auch ein pragmatisches zu Ende denken verschiedener Szenarien zu einem ähnlichen Ergebnis. Betrachtet man den rechtlichen Aspekt, so zeigt sich, daß die Anforderungen der Judikatur ausgesprochen hoch sind, wenn es darum geht, den Rechtfertigungsgrund der Notwehr anzuerkennen. An dieser Stelle seien vor allem junge, männliche Mitbürger angesprochen. Eine Schlägerei zwischen Jugendlichen auf der Straße oder sonst wo resultiert in der überwiegenden Anzahl der Fälle in einer Verurteilung wegen Körperverletzung und Raufhandels für alle Beteiligten - wer dabei angefangen hat ist dabei im Wesentlichen egal!!! Hinzukommt, daß der tatsächliche Tathergang Monate später schwer rekonstruierbar ist und jeder der Beteiligten eine andere Sicht der Dinge hat.

Weiters muß man davon ausgehen, daß man in einem Kampf gegen einen aggressiven und entschlossenen, vielleicht unter Alkohol- oder Drogeneinfluß stehenden Gegner, selbst verletzt wird. Das liegt daran, daß es - ohne an dieser Stelle auf technische Details eingehen zu wollen - eine erhebliche Schwierigkeit selbst für erfahrene Kämpfer darstellt, einen solchen Gegner zu stoppen und man somit fast zwangsläufig auch einige Schrammen abbekommt, oder zumindest Kleidung oder Schmuck zerstört wird. Selbst wenn ich mich nun nachweisbar in einer Selbstverteidigungssituation befunden und den Aggressor "besiegt" habe, heißt das noch lange nicht, daß ich tatsächlich etwas gewonnen habe: Danach stehen mir noch zahlreiche Aussagen vor der Polizei und vor Gericht bevor, ich muß Zeit aufwenden, um mich mit meinem Anwalt zu treffen... Will ich meinen Schaden ersetzt haben (für Kleidung, Schmerzengeld...), werde ich vielleicht auf den Zivilrechtsweg verwiesen. Mehr Zeit, mehr Geld. Am Ende ist mein Gegner noch unpfändbar, weil mittellos. Außer Spesen nichts gewesen.

Erst jetzt, am Ende, stellt sich die Frage, wie kämpfe ich, wenn Gewalt unvermeidbar erscheint? Was sollte Selbstverteidigungstraining in technischer Hinsicht charakterisieren?

Ich möchte im Rahmen dieses Textes auf technische Detailfragen nicht eingehen. Gewisse Dinge kann man nicht bereden, sie müssen einfach praktiziert und erfahren werden. Nur soviel sei gesagt: Ich denke, daß Selbstverteidigung von Pragmatismus getragen sein sollte. Dementsprechend sollte nur eine möglichst geringe Anzahl von Techniken gelehrt werden, die sich aber in möglichst vielen Situationen anwenden lassen.

Der absolute Laie steht an dieser Stelle aber vor einem ganz anderen Problem, nämlich herauszufinden, welches System nun funktioniert. Bezeichnungen sind hier wenig hilfreich - ebensowenig die leider aus gutem Grund weit verbreiteten Klischees, daß man im Karate nur den geraden Fauststoß aus tiefer Stellung macht, im Tae Kwon Do nur gesprungene hohe Tritte macht, Ju Jutsu nur aus Hebeltechniken, Aikido nur aus Falltechniken besteht und man sich im Wing Tsun nur die Hände verklebt. All die hochgraduierten Vertreter dieser Stile, die ich bislang kennenlernen durfte, lassen sich für unsere Zwecke - einfach gesprochen - nur in jene unterteilen, die sich intensiv mit Selbstverteidigung befaßt haben und jene, die das nicht getan haben. Erstaunlicherweise (oder auch nicht???) lagen dabei die Ansichten der "Selbstverteidiger" ungeachtet ihrer stilistischen Herkunft sowohl in psychologischer als auch in technischer Hinsicht ungeheuer eng beieinander.

Der- oder diejenigen, die vorhaben, einen Selbstverteidigungskurs zu machen oder überhaupt eine Kampfkunst zu lernen wollen, um sich verteidigen zu können, empfiehlt sich, mit dem Veranstalter/Lehrer einmal zu plaudern, vielleicht sogar ein Schnuppertraining mitzumachen, um folgendes herauszufinden:


  • Ist Selbstverteidigung überhaupt Gegenstand des Unterrichts? (und nicht etwa nur marginaler Begleitaspekt sportlichen Wettkampftrainings)
  • sind die unterrichteten Bewegungen für mich ausführbar?
  • Geht man auf mich und mein Bedrohungsbild (siehe eingangs), auf Schlagwirkung... ein?
  • Halte ich den Lehrer (auch pädagogisch) für kompetent? Dabei kann man sich ruhig auf seinen intuitiven Endruck verlassen.