Jyu-Ippon Kumite

Das Jyu- Ippon Kumite soll den Übenden vordergründig lehren, einem realistisch geführten Angriff optimal zu begegnen. Da die Angriffstechnik zuvor angesagt wird, kennt der Verteidiger


  • Ausgangsstellung (Kamae) und
  • Trefferziel der Angreifers.

Gerade im zweiten Punkt liegt die zu Übungszwecken getroffene Vereinfachung. Im realen Kampfgeschehen ist dem Angegriffenen die Intention der Angreifers bis zuletzt unbekannt. Deshalb muß sich der Kämpfer vor allem auf die Analyse der gegnerischen Ausgangsposition konzentrieren. Und hier liegt trainingssystematisch auch der Schwerpunkt des Jyu- Ippon Kumite. Der Übende soll lernen die Kamae seines Gegners zu "lesen" und sämtliche aus dieser Kamae mögliche - sinnvolle!!! - Angriffe abzuschätzen. Schon am Anfang des Jyu- Ippon Kumitetrainings soll der Verteidiger die Möglichkeit erlangen, durch die sachgerechte Wahl seiner eigenen Ausgangsposition


  • die gegnerischen Angriffsmöglichkeiten weitgehend einzuschränken,
  • beziehungsweise sie im Ansatz zu ersticken und eine Entwicklung der gegnerischen Angriffsserien zu verhindern.

Am Ende soll der Verteidiger in der Lage sein, seine Ausgangsstellung so zu wählen und sie so auf die gegnerische Positionierung abstimmen können, daß er Zeitpunkt, Ort und Form des gegnerischen Angriffs bestimmen kann. Der Verteidiger soll sich in die Lage versetzen können, die Initiative des Kampfes an sich zu reißen und gegebenenfalls seinen eigenen Angriff - sozusagen aus überlegener Position - präventiv zu starten. Spätestens ab diesem Zeitpunkt verschwindet die geläufige Unterscheidung zwischen Angreifer und Verteidiger. Das Kampfgeschehen verliert dadurch seine Charakteristik als System von actio und reactio und wird zu einem Aufeinanderprallen zweier autonomer actiones, das durch die vorherige Wahl der Ausgangspositionen entschieden werden soll.



Implikationen für das Training

Der Angreifer hat

  • die für den Angriff passende Kamae zu wählen ("mitspielen"; andernfalls besteht die Gefahr, daß der Verteidiger sich falsche und unnötige Bewegungen einlernt, weil er ja den Angriff "schön" abwehren will)
  • die richtige Distanz zu wählen (15 - 25cm hinter den Trefferpunkt zielen)
  • exakt und kräftig anzugreifen



Der Verteidiger hat sich auf folgende Punkte zu konzentrieren:

  • Korrekte Beinstellung, um Mobilität zu gewährleisten (Sanchin- Dachi, fußlang, schulterbreit; auf hinteren Fuß achten!); dies macht weitgehend unabhängig, ob der Gegner fußgleich steht oder nicht ( ai-hanmi/ gyaku-hanmi)
  • Die für die Abwehr des angesagten Angriffes ideale Kamae wählen
  • In den Angriff hineingehen, aktiv bleiben!!! (Mindert die Verletzungsgefahr, schränkt die Anzahl der Ziele für den Angreifer ein)
  • Mögliche Folgeangriffe des Angreifers einkalkulieren
  • Für die Kontertechniken passende Distanz wählen (falls Angreifer "hineinfällt")
  • Mindestens zwei Kontertechniken

Sonstiges:

  • Bleibt der Angreifer zu weit weg, dann traut euch und macht garnichts. Versucht nicht eine "schöne" Technik gegen einen Angriff, der keiner ist, zu erzwingen.
  • Zögert der Angreifer oder foppt er euch, ergreift die Initiative! (z.B.: zweifacher Fauststoß zum Kopf; auch der Angreifer soll lernen, korrekt, aber auch entschlossen anzugreifen und vor allem Angriffsmöglichkeiten nicht aufgrund von Faxen zu versäumen)

Völlig unerheblich für die Trainingszwecke des Jyu- Ippon Kumite ist die Frage,

  • ob der Arm beim Konter (bei weiterer Distanz) gestreckt werden soll, oder ob er (bei gleichzeitig näherer Distanz) etwas abgewinkelt werden darf
  • ob die Faust draußen stehengelassen, oder gleich zurückgeschnappt werden soll
  • ob man etwa im Zenkutsu- Dachi kurz verharren, oder gleich in die Kampfstellung zurückkehren soll


Die Gründe für solche, zugegebenermaßen oft widersprüchlichen Ansichten liegen meines Erachtens in dem Umstand, daß ich meinen Partner im Training nicht K.O. schlagen soll/ darf/ will. Deshalb sind all diese Vorschläge nur Kompromisse, welche die Unvereinbarkeit von exakter Technik (gestreckter Arm, ohne tatsächlich treffen zu wollen) und richtiger Distanz (aus der tatsächlich Trefferwirkung erzeugt werden kann), niemals beseitigen können. Die Frage nach der Dauer des "Draußenstehenlassens" der Faust (und damit eng verbunden die Frage des Verharrens im Zenkutsu- Dachi) kann allein auf theoretischer Basis nicht beantwortet werden. Dieses Gefühl für effiziente Schlagwirkung kann nur infolge regelmäßigen Sandsack- oder Vollkontakttrainings subjektiv erarbeitet werden.

Für Gürtelprüfungen rate ich euch zu einem Kompromiß: Wählt eine Distanz, aus der ihr den Arm gerade noch durchstrecken könnt und laßt den Arm - bei gleichzeitigem Verharren im Zenkutsu- Dachi - für einen Augenblick gestreckt. Mit zunehmend höherer Graduierung sollte dieser Augenblick immer kürzer werden. Zusätzlich wird man um Kontakttraining nicht umhin kommen.